Stadt Stuttgart tut was

Seit Monaten liest man in den sozialen Medien immer wieder, wie die Stadt ihre Bürger alleine lässt im Kampf gegen Feinstaub. Spötter nutzen dafür gerne den Hashtag #fritztutnix oder auch #stuttgarten. Das wollte wohl die Stadtverwaltung unter OB Fritz Kuhn nicht auf sich sitzen lassen, und konterte nun mit einem Artikel im Stuttgarter Amtsblatt (kostenpflichtig) und auf den Seiten der Stadt, auf stuttgart.de. Die war sogar einige Tage prominent auf der Startseite verlinkt. In Anbetracht der Unübersichtlichkeit und der schlechten Suchmöglichkeiten dort sicher nicht verkehrt. Auch der Pressesprecher der Stadt pries den Artikel in Twitter an.

Aber was preist Stuttgart da eigentlich an als Maßnahmen für Luftreinhaltung und Mobilität?

Verkehrsfluss und Verkehrssteuerung

Auf Informationstafeln werden Autofahrer über Unfälle, Staus, Baustellen, etc. informiert. Zusätzlich werden rund 70 „Grüne Wellen“ geschaltet. Und in die Zukunft investiert, also „virtuelle Schilder“ in die Autos übermittelt und die Ampeln auf zukünftige Car2X-Kommunikation vorbereitet.

Na dann. Diese Informationstafeln sind bestenfalls zweischneidig. Auf den meisten Strecken nutzen die Informationen nichts. Denn um wirklich etwas zu bewirken müssten Ausweichstrecken bereitstehen. Das ist bekanntermaßen in den meisten Fällen im Kessel nicht der Fall. Dort wo es solche Strecken gibt führen sie durch Wohngebiete. Im Endeffekt heißt das also, dass Autofahrer also wissen warum sie im Stau stecken. Zugegeben wird das manche Autofahrer besänftigen. Und es werden ein paar Wohnstraßen mit zusätzlichen Abgasen versorgt. Macht ja nix, dort wohnt ja keiner.

Virtuelle Schilder und Car2X ist auch ganz prima. Haben die Hersteller da schon einen Standard entwickelt? Ja, vermutlich schon. Zumindest die deutschen Hersteller, ausländische Hersteller interessieren ja nicht. Eigentlich Ford und Opel auch nicht so richtig.

Ist nur noch die Frage wann das kommt. Bisher war die deutsche Autoindustrie ja nicht gerade federführend bei neuen Technologien außerhalb von Abgassteuerungen für Dieselmotoren und Benzineinspritzer. Selbst wenn das in den nächsten 3 bis 4 Jahren passiert, werden wohl zuerst Autos der Ober- und Luxusklassen damit ausgerüstet. Okay, okay, wenn man so sieht was in Stuttgart rumfährt.

Apropos Ampeln auf Car2X-Kommunikation ausrüsten. Gibt’s dann sowas auch für Radfahrer und Fußgänger? Oder dürfen die dann noch länger an roten Ampeln für sie stehen, weil jetzt der „richtige“ Verkehr priorisiert wird? Also quasi Torstraße für den Pöbel?

Aber es soll ja auch „Grüne Wellen“ geben. Dieses Konzept geistert nun schon seit Jahrzehnten durch die Diskussionen, sobald die Rede auf (automobilen) Straßenverkehr kommt. Wozu diese Einschränkung? Ganz einfach. Eine grüne Welle, so sie denn funktionieren würde, wäre nur für Kfz. Alle anderen Verkehrsteilnehmer, vor allem die, die sich nicht in Autos fortbewegen, schauen da in die Röhre. Aber selbst bei Autos funktioniert es nicht. Dazu müssten Autofahrer nicht nur genau die Geschwindigkeit und Abstand halten, was sie nicht tun. Dazu dürfte es auch keine Querstraßen geben. Denn diese müssen ja auch irgendwann grün bekommen.

Was bleibt also von dieser grandiosen „Verflüssigung“ des (Auto-)Verkehrs? Jedenfalls nicht niedrigere Schadstoffwerte. Wie das? Nun, dazu wurde am 21.11.2016 die B14 für eine Demo gegen Feinstaub am Neckartor gesperrt. Von verschiedenen Seiten wurde nun verkündet, diese Sperrung, bzw. der daraus resultierende Stau, sei für die hohen Feinstaubwerte an diesem Tag ursächlich. Sogar dpa verbreitete diese Falschmeldung. Ja, genau, es war eine Falschmeldung. Tatsächlich sanken während der Demo die Schadstoffwerte. Weil im Leerlauf weniger Schadstoffe produziert werden als im für den Stadtverkehr normalen Stop-and-go. Nachzulesen ist das beispielsweise bei den Stuttgarter Nachrichten

Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs

Nun gut. Es gibt eine neue U-Bahn-Linie, die U12. Und seit Dezember 2017 gibt es zwischen 15:30 und 20:30 Uhr den 15-Minuten-Takt. Ab Fahrplanwechsel 2018 dann auch zwischen 06:00 und 10:00 Uhr, bis dahin nur bis 09:00 Uhr. Und schon ab Dezember 2020 auch zwischen 10:00 und 12:00 Uhr!

Man erreicht jetzt auch endlich die ersten Flüge am Flughafen mit der S-Bahn. Wurde ja auch erst vor Kurzem gefordert. Die paar Jahrzehnte.

Gut. Jetzt stellen wir uns Mal vor Stuttgart wäre ein Großstadt. Nicht nur das, sogar eine Landeshauptstadt! Ist das dann nicht ein bisschen arg wenig? Und haben diese Verbesserungen nicht lange, sehr lange gedauert, obwohl von den Nutzern teilweise schon seit Jahrzehnten gefordert?

Okay, es sind Verbesserungen. Aber leider, leider sieht es mit der Zuverlässigkeit recht mau aus, gerade bei der S-Bahn. Es verwundert, das die U-Bahn zuverlässiger ist, obwohl sie sich an vielen Stellen den Raum mit Autofahrern teilt. Mit den bekannten Folgen. Trotzdem fällt „das Rückgrat des öffentlichen Personennahverkehrs“ (Darstellung des VRS) allzuoft durch Verspätungen oder Ausfälle auf. Als ob das nicht genug wäre ist eine weitere Fahrgastzunahme nur sehr begrenzt möglich zu den Hauptverkehrszeiten.

Ob die Unzuverlässigkeit der S-Bahn wohl der Grund ist, dass die Stadt unter diesem Punkt nur die SSB, also U-Bahn und Bus, erwähnt?

Twitterin Febrazink bringt es in einem Tweet auf den Punkt.

Jobticket

Das Jobticket ist eine Erfolgsgeschichte. Wie viele genau vom Auto auf den ÖPNV umgestiegen sind kann man zwar schwer oder gar nicht sagen. Für die Beschäftigten, die in einem der Betriebe arbeiten, die das Jobticket anbieten, und die es überhaupt anbieten können, ist es aber eine Alternative. Die Regel, ab wann eine Firma ihren Arbeitnehmern überhaupt ein Firmenticket anbieten kann, wurde zum Glück 2014 erleichtert. Um die Mindestbestellmenge von 50 Firmentickets zu ermöglichen dürfen sich seither Firmen auch zusammen tun. Wie dann der bürokratische Aufwand in den Firmen aufgeteilt wird, ist deren Sache. Ach, und „natürlich“ müssen die Firmen jedes Firmenticket mit mindestens 10 Euro/Monat bezuschussen.

Sind diese Voraussetzungen gegeben gibt es 10% auf das Jahresticket. Zum Beispiel kostet ein Jahresticket für 2 Zonen nur noch schlappe 822 Euro statt 865 Euro. Mit zwei Zonen ist ganz Stuttgart abgedeckt. Wer knapp außerhalb der Zone 20 wohnt, also schon 3 Zonen braucht, zahlt „nur noch“ 1094 Euro statt 1152 Euro. Zum Vergleich: in Wien kostet ein Jahresticket 365 Euro für die Kernzone.

Ja, auch mit dem Jobticket bleibt der VVS eine teure Angelegenheit. Und natürlich steigen auch jährlich die Preise. Abgesegnet werden die von der SSB, einem städtischen Betrieb, vorgeschlagenen Erhöhungen regelmäßig vom Aufsichtsrat der VVS. Vorsitzender des Aufsichtsrates ist der Stuttgarter OB Fritz Kuhn. Auch bei der SSB ist er Aufsichtsratvorsitzender. Und bei S-Bahn-Besteller VRS, dem Verband Region Stuttgart, ist er stellvertretender Verbandsvorsitzender.

Grüne Infrastruktur

Noch ein Highlight. Stadt gibt an, sie will 1000 Bäume in den Jahren 2018/2019 neu pflanzen. Hört sich gut an. Wie viele Bäume in den letzten Jahren aber abgeholzt wurden steht nicht da. Und abgeholzt wurde quasi überall. Bei den S21-Baustellen, bei der Baustelle für den Rosensteintunnel, für den Neubau der John-Cranko-Schule. Usw. In einer Stadt, in der einer der Bürgermeister Sätze sagt wie „Man muss auch Bäume fällen, wenn man Stadtentwicklung betreiben will“ (Bericht StZ vom 21.01.2014) kein Wunder. Da wird natürlich gerne mit Architekten zusammen gearbeitet, die von „vegetativer Überbemöbelung“ reden.

Bäume werden hier oft und gerne gefällt. Wie oft, versuchen Privatleute und Organisationen wie die BI Neckartor offenzulegen, denn von der Stadt sind solche Informationen eher nicht zu bekommen. Aber schon mit diesen Zahlen relativieren sich die eingangs genannten 1000 Bäume. Zusätzlich leisten alte Bäume mehr für gute Luft, als dies neu angepflanzte Bäume in den ersten Jahrzehnten tun können.

Feinstaubalarm und Stickstoffdioxid

Kein Bericht der Stadt Stuttgart ohne Hinweis auf den Feinstaubalarm und sinkende Werte. Das der Alarm nur einen Nutzen hat, nämlich verbilligte Tickets für den VVS, sollte sich inzwischen sogar bis ins Rathaus rumgesprochen haben. Immerhin verbilligte Tickets, die gab es Anfangs auch nicht. Aber sonst läuft an diesen Tagen alles wie sonst. Lange Autokolonnen, die Baustellen blasen ihren Dreck weiter ungebremst in die Luft, selbst ob die Komfortkamine außer Betrieb gelassen werden lässt sich kaum kontrollieren. Aber den Feinstaubalarm gibt es sowieso nur in der kälteren Jahreszeit. Die aktuelle Saison geht vom 15.10.2017 bis 15.04.2018. Was außerhalb dieser Tage passiert interessiert nicht.

Aber es gibt ja nicht nur Feinstaub, Stuttgart hat auch ein Stickstoffdioxid-Problem. Bei beiden Schadstoffen feiert sich die Stadt dafür, dass es 2017 weniger Tage mit Überschreitungen gab als im Vorjahr. Dass es schlicht und einfach mit dem Wetter zu tun haben könnte erfährt man nicht auf den Seiten der Stadt. Das würde ja die gute Nachricht schmälern.

Testprojekt Straßenreinigung

Die Kehrwoche, genauer gesagt die Pflicht den Gehweg zu reinigen, wurde zwar 1988 vom damaligen OB Manfred Rommel abgeschafft. Was in diesem Jahrtausend aber seine Nachfolger nicht davon abhielt ihr mit mehr oder minder merkwürdigen Aktionen quasi zu huldigen. Beim letzten OB Wolfgang Schuster war es „Let’s putz“. Und unter dem jetzigen OB Fritz Kuhn wird halt rund um die Messstelle mit Wasser gereinigt, abgesaugt, und mechanisch gereinigt. Nun wird erstmal untersucht ob es hilft. Gegen Feinstaub. Und nur gegen Feinstaub, gegen die anderen Schadstoffe hilft es nicht.

Testprojekt Mooswand

Ja, die Stadt lässt einfach nichts unversucht. Jedenfalls um Fahrverbote zu vermeiden. Das ist das oberste Ziel. Dachte etwa jemand es geht um Schadstoffe wie NOx oder Feinstaub?

Jedenfalls wurde am Neckartor eine Mooswand aufgebaut. 300qm groß, Kosten rund 558000 €. Im Sommer 2017 waren große Teil braun. Offiziell nur im Sommerschlaf, nicht tot. Dann wohl doch tot, denn es wurde ersetzt (Bericht in der Stuttgarter Zeitung vom 14.12.2017). Nach dem Ende der Feinstaubsaison sollten dann Daten im Juni oder Juli vorliegen. Jetzt soll es abgebaut werden und erst nach weiteren Auswertungen ohne Moos an der gleichen Stelle Erkenntnisse vorhanden sein (Bericht in den Stuttgarter Nachrichten vom 20.02.2018). Da drängen sich doch die Fragen auf, warum diese Daten ohne Mooswand nicht vor dem Aufstellen derselben gewonnen wurden. Und warum sich die Auswertung immer wieder verzögert.

Ein Teil der Bürger stellt sich sowieso die Frage was sich die Stadtverwaltung bei dem Versuch dachte. Aber die reden ja nur die Stadt schlecht um sich selbst zu profilieren. Denkt jedenfalls Bürgermeister Pätzold von Kritikern laut Pressemeldung vom 23.01.2017.

City-Logistik

Eine Reihe guter Ideen. Bündelung on Waren an zentralen Punkten in der City, und Weiterverteilung durch Sackkarren (?) und Lastenräder. Umweltfreundlicherer Lieferverkehr. Bündelung durch Übergabepunkte von LKW an Lastenräder.

Hört sich gut an, ist auch dringend notwendig. Nicht nur um den Schadstoffaustoß zu senken, sondern auch um den überhand nehmenden Lieferverkehr einzudämmen. Dann könnte man z.B. auch mittags oder nachmittags durch die Fußgängerzonen flanieren ohne befürchten zu müssen von Lieferfahrzeugen angefahren zu werden oder auch nur ständig ausweichen zu müssen.

Aber an muss sich ins Gedächtnis rufen: das hier ist Stuttgart. Da passiert nicht viel, und wenn, dann nicht schnell.

Stadteigene Mobilität

Endlich mal nicht nur ein Plan, oder eine Verrücktheit in der Umsetzung, sondern tatsächlich eine gute Idee, die auch durchgeführt wird. Weiter so.

Ausbau Fuß- und Radverkehr

Da muss einem doch das Herz aufgehen. Für 3,4 Millionen Euro wird es ein Investitionsprogramm Fußverkehr bis 2022 geben. Also über 5 Jahre jedes Jahr 680000 Euro. Wow. Zum Vergleich: alleine beim Rosensteintunnel wurde 2015 auf Gesamtkosten von 274 Millionen Euro geschätzt (Artikel in der SWP vom 09.01.2018). Ja, hier vergleiche ich Kosten für ein Jahr mit Gesamtkosten eines Projekts über mehrere Jahre. Trotzdem zeigt es die Dimensionen, mit welchen Kosten für den Kfz-Verkehr gerechnet wird, und wieviel für den Fußverkehr übrig bleibt.

Für den Radverkehr sind „zusätzlich rund 7,6 Millionen Euro“ im Doppelhaushalt 2018/2019 vorgesehen. Zusätzlich zu was? Und wieso werden hier auf einmal die geplanten Ausgaben für 2 Jahre angegeben, bzw. beim Fußverkehr für 5 Jahre? (Quelle).

Wie sieht das beim Autoverkehrs aus? So. Verkehrswende sieht anders aus.

Betonplatten mit Titandioxid

Es werden also an mehreren Stellen momentan Platten mit einer Beimengung von Titandioxid eingesetzt. Diese Beimengung soll bei Sonnenschein als Katalysator Stickoxid in Nitrate umwandeln helfen, die dann bei Regen ausgespült werden. Aha. Hm. Okay, und wie groß soll der Effekt dann sein? Immerhin kostet ein Quadratmeter einer solchen Platte 7,40 Euro.

Wohlgemerkt, die Platten sollen Stickoxid umwandeln. Effekt auf andere Schadstoffe: Null. Ob die Platten überhaupt Kfz-Verkehr aushalten oder ob die Flächen dann bald mit Asphalt geflickt werden müssen, darüber erfährt man nichts.

Zusammenfassung

Wenn man alles betrachtet, dann unternimmt die Stadt Stuttgart tatsächlich etwas gegen Feinstaub, Stickoxid und andere Luftschadstoffe. Im wesentlichen sind es aber entweder Maßnahmen mit zweifelhaftem Effekt oder welche, deren Auswirkungen sich frühestens in einigen Jahren zeigen. Die eine Maßnahme, die aber sofort greifen würde, und neben weniger Luftschadstoffe auch weitere positive Auswirkungen durch weniger Verkehr hätte, wird gemieden. Vermutlich ist es im Rathaus unter Strafe verboten auch nur das Wort „Fahrverbot“ in den Mund zu nehmen. Lieber lässt sich die Stadt über mehrere Instanzen hinweg verklagen. An die Bürger der Stadt wird dabei überhaupt nicht gedacht.

7 Kommentare zu „Stadt Stuttgart tut was

  1. Das gleiche Theater wie überall. Und wenn man die Schadstoffe betrachtet, die die ganzen Maßnahmen vor Ort und in der Produktion bedingen …

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