Rant: Bequem, bequemer, Gehweg

Gehwegradler_20181013
Telefonierender Gehwegradfahrer, Tempo 30-Straße.

In der „Rad-Community“, so es eine solche überhaupt gibt, geht es momentan recht uneins zu. Nachdem sich in den 80ern und 90ern durchgesetzt hat, dass straßenbegleitende Radwege vor allem gefährlich sind für Radfahrer, gibt es momentan eher einen Rollback, der Radfahrer wieder auf Radwege bringen soll, am besten Hochbord und „protected“. Also genau die alte Scheiße, die schon x tausend Radfahrer schwerverletzt hinterlassen hat, aber diesmal in Grün.

Das wurde ausgelöst durch Marketing-Experten, inzwischen unterstützt vom ADFC von ganz oben. Also dem Verein, der eigentlich gegründet wurde als Verein für Leute, die Rad fahren als alltägliches Fortbewegungsmittel sehen. Garniert mit Unterstellungen wie „wo sollen denn Radfahrer von 8 bis 80 fahren“, dem berühmt-berüchtigten defa-Kind, es werden auch Beleidigungen von Ex-Verkehrsministern übernommen wie „Kampfradler“, aber auch Neuschöpfungen à la „Intensivradler“. Und so weiter.

Der ADFC lässt über seinen Geschäftsführer derweil noch ausrichten, dass er nicht für die Alltagsradler, die „jetzt schon-Radfahrer“ zuständig ist, sondern für die „noch-nicht-Radfahrer“. Ungeachtet dessen ob die nach Nahtod-Erfahrungen auf den geplanten Radwegen noch weiter fahren wollen.

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Wenn die Fahrbahnampel später grün wird als die der Fußgänger. An einer Grundschule.

Wir leben halt mittlerweile in einer Zeit, in der Fakten und Wissenschaft nichts mehr zählt, sondern nur noch das Gefühl.

Aber einen Punkt gibt es noch, in dem sich alle einig sind, Radfahrer und Fußgänger: Falschparker. Falschparker sind ignorant, nur auf den eigenen Vorteil bedacht, bequem, bringen Radfahrer (und Fußgänger) in Gefahr, usw. Da gibt es zumindest unter engagierten Radfahrern und Fußgänger einen breiten Konsens.

Landhaus-Tal
Einmal am Stau vorbei. Und den Hauseingängen. Auf einem Weg, der Grundschülern als Schulweg dient. Hauptsache Helm.

So. Und was ist dann mit Gehwegen? Besser gesagt, mit Radfahrern auf Gehwegen? Auf einmal tönt es von manchen Radfahrern, speziell aus der Ecke, für die ja die Autofahrer beziehungsweise die Fahrbahn so gefährlich ist. Aber Radfahrer, die Fußgänger behindern oder gefährden ist ja ne gaaanz andere Sache.

Wirklich? Alles nur arme furchtsame Radfahrer, die wegen fehlender „Infrastruktur“ (ich fange an dieses Wort zu hassen) auf Gehwege gezwungen werden?

Bitting

Am Arsch.

In den seltensten Fällen sind es unsichere Radfahrer, die vor Autofahrern flüchten. Sondern dem Anschein nach durchaus erfahrene Radfahrer, Männer und Frauen, die offensichtlich das Rad öfter nutzen. Aber halt einfach mal rote Ampeln umfahren wollen, oder wenn es sich auf der Fahrbahn staut. Da ist es dann völlig wurscht wenn Fußgänger auf dem Gehweg behindert, bedrängt oder gefährdet werden. Das dürfen auch gerne kleine Kinder sein, die aus einem Hauseingang kommen, oder sich auf dem Schulweg befinden.

Immerhin positioniert sich die Unfallforschung der Versicherer eindeutig. Auf einen nicht cleveren Tweet hin von der „Initiative Clevere Städte“.

Unclever
Entlarvend.

Aber die Radfahrer sind doch die Guten! Ganz sicher!!!!11!!1!

Nein. Seid ihr nicht. Miese kleine Egoisten seid ihr.

DieGuten
Versprochen!
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5 Kommentare zu „Rant: Bequem, bequemer, Gehweg

  1. Gut Gebrüllt, Martin! Sind die Gehwegradler also tatsächlich auch schon ordentlich organisiert?

    Ich kann diese Leute ja auch nicht ab. Grade vorhin in der Stadt: Mann und Frau auf zwei MTBs überqueren links neben mir eine Kreuzung nicht wie erwachsene Menschen auf der Fahrbahn, sondern fahren von einer Fußgängerampel zur anderen und blockieren dort am Eck dann erneut den Gehweg in beide Richtungen, weil sie da ja schon wieder auf grün warten müssen…

    Mich ödet auch diese Mentalität an: „ich darf das, weil es auf der Straße(sic!) ja viel zu gefährlich ist!“ Bullshit! Am klassischen Gehwegradler erkennste, dass die das Fahrrad als Verkehrsmittel auch selber überhaupt nicht ernst nehmen, die brauchen einfach was, um schnell von a nach b zu kommen. Tiefschürfendere Gedanken über das Thema hat man sich nie gemacht, selbst elementare Verkehrsregeln sind einem auch wurscht und auch aus den sicher nicht selten gefährlichen Erlebnissen mit Fußgängern, aber auch Rad- und Autofahrern lernt man ebenfalls nix. Deshalb kann ich mir, wenn ich die Unfallberichte in der Presse lese, oft ein Grinsen nicht verkneifen, wenn mal wieder einer über eine Motorhaube gesegelt ist.

    Schuld daran ist aber halt auch die Politik in den Straßenverkehrsbehörden, die vor allem auch durch unzählige mit Z 240 zu „Radwegen“ umgelabelte Bürgersteige dafür gesorgt haben, dass manch Radfahrer dann auch nach dem Motto verfährt, wenn er dort auf dem Gehweg gem. mit Fußgängern fahren muss, warum solle er es denn woanders nicht auch dürfen…!? Es herrscht doch allgemein ein Klima, in welchem der Normalfall – die Fahrbahnnutzung – als totale Ausnahme dargestellt wird. Jahrzehntelang hat man den Leuten systematisch Angst gemacht. Es galt: „Rad braucht Radweg!“ Und wenn kein Radweg da ist, fahren die Leute halt eben auf dem Gehweg.

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    1. Ordentlich organisiert vielleicht nicht, aber sie finden komischerweise Unterstützung. Weil die Fahrbahn ist ja so gefährlich! Autofahrer sind per se böse! Oder was weiß ich was diese Denke soll.

      Die Ursache siehst du ganz richtig, ich vermute auch dass dieses Verhalten von der Angstmacherei kommt, bzw. der daraus resultierenden Ansicht dass Radfahrer auf Fahrbahnen nicht fahren dürften und ja so sehr gefährdet wären. Dass alle Studien und die Statistik ganz anderes sagen wird ignoriert. Weil „in Holland ist das ja auch so!“ Auch dortige Unfälle werden dann ignoriert.

      Leider sind heutzutage Fakten nicht mehr so gefragt. Wissenschaft wird verpönt. Auch in Verkehrsplanungen.

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  2. Also ich weiß nicht, wie die Initiative der uncleveren Städter FUSS in dem Zusammenhang erwähnen kann, ohne zu sagen dass FUSS kein Fan von Gehwegradeln ist.

    Wer Gehwegradeln legitim findet, „kämpft nicht im Prinzip für den Fußverkehr“ sondern kämpft mit kognitiven Dissonanzen.

    Ich würde auch nie behaupten, dass mich Radfahren zu einem besseren Mensch macht, daher kann ich diese Argumentationen auch nicht leiden, in denen so argumentiert wird, als ob Radfahrer bessere Menschen wären.

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    1. Hm, ich dachte ich hätte das erkennbar ausgeführt, dass ich in der Frage FUSS e.V. unterstütze. Was ich weg gelassen habe ist, dass ich mit meiner Familie in einem Haus lebe, wo der Hauseingang direkt auf den Gehweg führt. Sollte einer dieser Rüpelradler meinen Kindern was antun ist was los.

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