Uuund Action!

Die Stadt Stuttgart scheint etwas aus ihrem Dornröschenschlaf in Sachen Verkehr aufgewacht zu sein. Die Einschläge waren in letzter Zeit auch etwas zu dicht. Die Gerichte verurteilen die Stadt in letzter Zeit immer mehr zum Handeln in Sachen Luftreinhaltung. So zwingt das Verwaltungsgericht Stuttgart die Stadt zu einer Nachbesserung des Luftreinehalteplans, genauer gesagt müssen Fahrverbote für Euro 5-Diesel darin berücksichtigt werden. Die Anwohner am Neckartor drängen auf die versprochene Verringerung des Verkehrs, das nächste Zwangsgeld. Die Radfahrer mucken auf und organisieren sich, mit nicht unumstrittenen Forderungen, aber auch medienwirksamen Aktionen. Auch die Critical Mass Stuttgart hat immer mehr Teilnehmer und legt jeden ersten Freitag regelmäßig den „richtigen“ Verkehr lahm. (Was natürlich Blödsinn ist, das erledigt der automobile Verkehr im Berufsverkehr schon ganz alleine erfolgreich jeden Tag.)

Daneben gibt es noch mediale Begleitung, sei es nun durch Blogs wie das der Gemeinderätin Christine Lehmann oder durch die eine oder zwei regionalen Tageszeitungen, oder durch andere Medien.

Jedenfalls sieht sich die Stadt vertreten durch die Verwaltung wohl genötigt etwas Elan zu zeigen. Wo drückt der Schuh am meisten? Ganz klar, kritisiert wird regelmäßig falsches Parken.

#StuttgartParktFair

So wurde am 23.11.2018 der staunenden Öffentlichkeit die Aktion gegen Falschparker angekündigt. Behinderndes und gefährdendes Parken ist in Stuttgart genauso ein Problem wie in anderen Städten. Die Verwaltung geriet wohl in den letzten Jahren immer mehr unter Druck. Das Bild in der Pressemeldung (Pfeiler beachten) greift das Problem dann auch gekonnt auf, aber das nur nebenbei.

Nachdem schon vor zwei Jahren angekündigt wurde, dass Falschparker verstärkt abgeschleppt werden, werden Falschparker jetzt durch die neue Aktion … äääh… erstmal informiert? Durch Aufkleber auf den Scheiben? Also ich als Laie dachte bisher, diese Information gibt’s in der Fahrschule im Unterricht dazu. Aber was weiß ich schon.

Als zweite Stufe ist geplant Verwarnungen zu schreiben. Genial. Die Falschparker werden sicher zittern. Denn die Verwarnungsgelder, bundesweit einheitlich geregelt im Bußgeldkatalog (BKat) in der Anlage zu § 1 Absatz 1, gehen hoch bis auf 35 Euro! Natürlich im Einzelfall. Eine Behinderung muss konkret nachgewiesen werden. Ist ja nicht so einfach. Da kommt man doch vorbei. Man muss ja auch mal die Kirche im Dorf lassen. Ist ja nur kurz.

Aber dann! Dann kommt die dritte Stufe, das Abschleppen, im Fachjargon auch Umsetzen genannt. Da wird es dann mal teuer. Zum Verwarnungsgeld kommen auch noch die Kosten für’s Abschleppen dazu.

Möglich ist das Abschleppen sofort ohne Behinderung bei Falschparkern in Brandschutzzonen, auf Schwerbehindertenparkplätzen, im absoluten Halteverbot, auf Sperrflächen. Und bei parken an Ladestationen für Elektrofahrzeuge, ohne
einen Ladevorgang vorzunehmen. Geht ja auch nicht. Anderen Autos den Parkplatz wegzunehmen. Sowas.

Ansonsten kann abgeschleppt werden bei parken auf Geh- und Radwegen, Fahrradstraßen und Schutzstreifen für den Radverkehr. Warum da Radfahrstreifen fehlen muss man sich bei der Stadt nicht fragen. Mit den Feinheiten der StVO und der VwV-StVO hat man es hier in der Verwaltung ja nicht so. Auch nicht mit der Frage, warum parken im absoluten Halteverbot (Zeichen 283) anderes behandelt als bei den Zeichen für Sonderwege (Zeichen 237, 239, 240, 241), bei denen in der StVO jeweils steht „Anderer Verkehr darf ihn nicht benutzen“. Benutzung schließt Halten und Parken mit ein.

Also alles gut? Oder wenigstens fast alles? Naja, ein kleiner, ganz unwesentlicher Punkt fehlt noch. Wann soll diese Aktion starten? Also zumindest ich habe seit Verkündung weder einen der angekündigten Aufkleber gesehen, noch einen Abschleppvorgang. Knöllchen schon, vereinzelt. Vereinzelt bedeutet hier zweimal.

Ach, und diese Aufkleber, die auf die Scheiben angebracht werden. Lassen die sich eigentlich rückstandsfrei entfernen? Also ohne Einschränkung der Sicht?

 

Mehr Licht!

Kleinigkeiten. Lieber die nächste, fast noch wichtigere Aktion starten. Durch einen Leak des beliebten Stuttgarter Party-, Pferde- und Ex One-Blogs auf Twitter wurde bekannt, dass morgen, am 06.12.2018 Radfahrer in der Tübinger Straße ein ganz besonderes Nikolausgeschenk bekommen.

Diese Meldung elektrisierte die Stuttgart Radfahrer geradezu. Endlich wird eine der Hauptursachen für die vielen Unfälle auf Stuttgarts Straßen konsequent angegangen! Mit fachkräftiger Unterstützung durch den Ordnungsbürgermeister, den Baubürgermeister und den Polizeipräsidenten! Anders sind diese unbotmäßigen Kampfradler nicht mehr in Griff zu bekommen. OB Fritz Kuhn wäre wahrscheinlich mit seinem Hybrid-Mercedes im Stau stecken geblieben, und Landesvater Kretschmann muss schnell mit dem Helikopter zur nächsten Wanderung.

Aber egal. Nur durch diese erstklassige Unterstützung kann diese Plage, diese Nichtbeachtung der Beleuchtungsvorschriften, eingedämmt werden. Immerhin stellt das Statistische Bundesamt in den Zahlen für 2017 (PDF) fest, dass bei den an Unfällen beteiligten Radfahrern erschreckende 223 mal eben jene Nichtbeachtung stattfand. Bundesweit. Dass diese Radfahrer nicht unbedingt Hauptunfallverursacher gewesen sein müssen, dass diese Ursache nicht die einzige Ursache gewesen sein muss, geschenkt. Oder dass diese Nichtbeachtung auch solche sicherheitsrelevante Dinge wie fehlende Pedalreflektoren umfasst.

Da muss gehandelt werden. Denn wenn das erledigt ist, erst dann kann man sich um andere Punkte kümmern aus dieser Liste mit dem Fehlverhalten von Radfahrern. Solch unwichtigem Zeug wie

  • mangelnde Verkehrstüchtigkeit durch Alkohol oder Drogen, etc. (4334 mal)
  • falsche Straßenbenutzung, also z.B. linksseitige Radwege benutzen, die nicht dafür freigegeben bzw. benutzungspflichtig sind (11417 mal)
  • nicht angepasste Geschwindigkeit Benutzt endlich Tachos! (4245 mal)
  • Fehler bei Vorfahrt/Vorrang (4904 mal)
  • falsches Verhalten gegenüber Fußgängern (1402 mal)

Oder anderen Fehler wie Abstand, Überholfehler, Fehler bei Abbiegen, Wenden, etc. Wohlgemerkt, das sind nur Fehler von unfallbeteiligten Radfahrern, ohne dass diese unfallursächlich gewesen sein müssten, oder die Radfahrer überhaupt Hauptunfallverursacher gewesen wären. Und es heißt auch nicht dass Front- oder Rückscheinwerfer defekt oder fehlend waren.

Auf einer Liste mit 14 Punkten ist Nichtbeachtung der Beleuchtungsvorschriften auf Platz 10. Noch marginaler sind Fehler bei Ladung/Besetzung, Fehler durch Nebeneinanderfahren, beim Vorbeifahren oder bei der Verkehrssicherung.

Ich bezweifele nicht, dass die Durchsetzung der StVO auch in diesem Punkt wichtig ist, ich selbst bin auch schon erschrocken wenn mir auf einmal ein Dunkelradler entgegen kam. Erschrocken, nicht gefährdet. Aber ich bezweifle stark dass diese Aktion mit zwei Bürgermeistern, einem Polizeipräsidenten und der entsprechend erwarteten medialen Aufmerksamkeit irgend einen Effekt auf die Verkehrssicherheit hat.

Nachtrag:

Für diese Lichtaktion hat Baubürgermeister Pätzold Zeit. Der Einladung des Journalisten Peter Welchering zu folgen dagegen nicht.

Advertisements

3 Kommentare zu „Uuund Action!

  1. Joa. Die Prioritäten sind immer wieder lustig. Leider gibt die – was Fahrräder betrifft sehr detaillierte – StVZO den Ordnungshütern ja fast unzählige Anlässe, dem Radfahrer wenigstens irgendwas vorwerfen zu können. Und sei es nur die Nichtbestückung jeder einzelnen Speiche mit einem Stick, der (am RR oder MTB) nicht montierbare „Großflächenrückstrahler“, der überflüssige Frontreflektor oder der abgefallene Pedalreflektor…

    Andererseits zeigt ja grade die Unfallstatistik (bei der man nicht zimperlich ist, Radfahrern ein schuldhaftes Fehlverhalten vorzuwerfen umsomehr, wie überflüssig und unnütz das Zeug ist. Ja, mich regen Total-Dunkelradler auch auf (allein gestern Abend wieder zwei gesehen). Aber die tun nur in den seltensten Fällen anderen weh. Meist nur sich selbst – oder sie werden halt vom Auto überfahren (wofür ich dann allerdings auch nur wenig Mitleid habe)…

    Hatte gestern übrigens ein ganz lustiges Erlebnis bei einer Veranstaltung zu einem neuen Verkehrsentwicklungsplan für meine Heimatstadt. Am Ende bemängelte ein älterer Herr, dass „Barrierefreiheit“ ein Grund- und Menschenrecht sei. Er meinte aber damit die Möglichkeit, möglichst vor einen Ärztezentrum (selber dort tätiger Arzt) mal eben mit dem Auto auf dem Gehweg zu halten und „ältere Menschen“ so ein paar Meter Wegstrecke zu Fuß zu ersparen. Das ging aber nicht, weil man dort Poller errichtet hat. Interessant, dass es für solche Leute dann keine Einschränkung der „Barrierefreiheit“ ist, wenn andere ältere Leute ständig von auf Gehwegen parkenden und „mal schnell haltenden“ Autos behindert werden.

    Die Gehwegparkerei ist hier bspw. ja ganz übel. Die Stadt tut aber von sich aus nix, wenn mehr als 1 m Gehwegrestbreite verbleiben. Das geht dann nur per Anzeige. Man ist also im Grunde so feige, sich notfalls mit den Autofahrern vor Gericht anzulegen. Da muss dann der Anzeigenerstatter seinen guten Namen für hergeben…!

    Gefällt mir

    1. Ich hab mir gestern extra noch einen Frontreflektor besorgt 😉 (An der Stelle ein großes Dankeschön an Stromrad, die mir einen aus der Kruschtelkiste gaben für Umme.)

      Solche Egoisten wie von dir beschrieben kenne ich auch. Bei mir regelmäßig am Eck, auf dem Gehweg. Eine Autofahrerin mit Schwerbehindertenausweis stellt sich in die Kurve, so daß die Sichtbeziehung keine mehr ist. Manche Leute ey.

      Zur Aktion heute habe ich mich auf Twitter ausgekotzt. Ich kann da einfach nicht ruhig bleiben, wenn mir lauter Blödsinn entgegnet wird. https://twitter.com/MartinTriker/status/1070578676633403392

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s