Rant: Radwege sind Scheiße

Ha, jetzt kriegen wieder ein paar Rad-„Aktivisten“ Schnappatmung. Damit der Blutdruck ein bißchen sinkt mache ich eine kleine Einschränkung: straßenbegleitende Radwege sind Scheiße. Aber Radfahrstreifen auch. Schutzstreifen sowieso, die sind quasi der Dünnschiss der Radinfrastruktur.

Ja, ich bin einer dieser vom ADFC wahlweise als „Intensivradler“ oder „Schon-Jetzt-Radfahrer“ geschmähten Alltagsradfahrer. Also quasi einer derjenigen, für die damals Jan Tebbe, Heiner Monheim und anderen der ADFC gegründet wurde. Mittlerweile ist der Verein unter dem jetzigen Vorstand und der Geschäftsführung zu einem Verein für „noch-nicht-Radfahrer“ geworden, mit der Einschränkung auf Kurzstrecken bis 5km.

Manchmal bin ich sogar ein MAMIL! Wird ja auch gerne als beleidigend gemeinte Äusserung benutzt. Obwohl, ich und middle-aged. Das waren noch Zeiten.

Zurück zum Thema. Wie komme ich zu diesen Aussagen? Allgemein scheint doch Konsens unter Aktivisten in Radentscheiden als auch im ADFC zu sein, dass mehr Menschen Rad fahren sollen, aber diese nur mit Radwegen, Radfahrstreifen oder gar Protected Bike Lanes auf’s Rad zu kriegen sind? Nun, da irrt der Neu-Aktivist. Wer schon länger Rad fährt, und sich auch schon länger mit Verkehr beschäftigt, für den ist das keineswegs so.

Natürlich rennt man bei Politikern damit offene Türen ein, denn wie kann man sich einfacher mit dem Etikett „Radverkehrsförderer“ schmücken als mit den Kilometern neuer Radwege,- streifen, -irgendwas? Schon die Instandhaltung, bei vielen Wegen besser Instandsetzung, lässt sich schwer verkaufen. Winterdienst? Kostet viel zu viel, und man muss manchmal sogar neue Räumgeräte anschaffen, weil diese verflixten Wege einfach zu eng sind. Fahrradabstellanlagen, aber nachher benutzen diese undankbaren Radfahrer die wieder nicht.

Nachdem ich diese Woche wieder mal eine dieser immer gleichen „Diskussionen“ auf Twitter über diese Ideen geführt habe: ich habe keinen Bock mehr drauf, mich immer wieder und wieder zu wiederholen. Bisher kam nie ein einziges Argument was den mir bekannten Stand der Wissenschaft widerlegen konnte.

Radweg

Fangen wir doch mal mit dem guten alten Radweg an. Der wird als Hochbordradweg geführt, ist also von der Fahrbahn („Straße“, wie leider auch manche dieser jungen „Aktivisten“ sagen) durch einen Bordstein getrennt. Mancherorts auch durch Grünstreifen. Bäume. Parkende Autos. Citytrees. Okay, letzteres nicht. Obwohl, ist doch sicher ein reizvoller Gedanke. Herr Pätzold, übernehmen Sie!

Was vergessen wird: die Radfahrer sind hier nicht mehr im Sichtfeld der Autofahrer. Da liegt die Aufmerksamkeit woanders, nämlich geradeaus. Allenfalls noch bei der nächsten Kurve, bei der man abbiegen will. Da werden auch Schilder direkt am Fahrbahnrand nur rudimentär aufgenommen, und zwar nur die, die einen gerade betreffen. Der Rest wird vom Gehirn ausgeblendet. Werden in so einer Situation nicht nur Radfahrer auf anderen Wegen geführt, sondern auch noch versteckt hinter Bäumen, Werbeinstallationen, parkenden Autos, etc., wird es noch schlimmer. Denn an der nächsten Kreuzung, an der nächsten Einmündung oder Einfahrt treffen die verschiedenen Fahrzeugarten wieder aufeinander.

„Dann muss man die Kreuzung halt sicher machen!“ Ja, aber wie denn? Wieviele Verkehrs- und Stadtplaner sind daran gescheitert, wie immer noch viel zu viele Abbiegeunfälle zeigen.

Überhaupt, wenn man dann überhaupt eine Antwort auf die Frage erhält, wie eine sichere Kreuzung aussehen soll, dann wird eigentlich immer auf ein gezeichnetes Bild verwiesen, auf denen Radwege schön grün gezeichnet sind, und Radfahrer in einem Bogen von der Fahrbahn weg verschwenkt wird. Also genau die Konstruktion, die Verkehrsplanern nicht empfohlen wird. Zum Beispiel im Buch „Planungshandbuch Radverkehr“ von Michael Meschik im Kapitel 10.2.2.2 Seitlich abgerückte Führung. Es wundert wenig wenn als einer der zwei Vorteile die Steigerung der Verkehrsleistung für Kfz genannt wird, während Nachteile durch Fußgänger, Autofahrer und Radfahrer genannt werden.

Sowas sieht man auf den angebotenen bunten Bildern natürlich nicht. Aber es wird ein weiterer Nachteil bei genauem Hinsehen deutlich: direktes Linksabbiegen ist nicht mehr möglich. Also eine Verschlechterung der Verkehrsleitung für Radfahrer. Juchhu!

Und die bekannten Probleme bleiben.

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https://twitter.com/mucradblog/status/1108288378049568768

Was ganz unter den Tisch fällt ist die Führung an Einmündungen und Einfahrten. Kommt ja auch selten vor. Reines Stadtproblem quasi. Wer will da auch schon Rad fahren.

Und so nebenbei stehen an den meisten Kreuzungen auch noch so lästige Gebäude. Kann die bitte mal jemand abreißen, damit der Platz für diese Slalomstrecken da ist? Oder, erschreckender Gedanke, werden etwa nur eine Handvoll Kreuzungen „sicher“ gemacht?

So. Und wer reinigt Radwege? Räumt die Dinger im Winter? Hält sie instand? Mal nachdenken…. niemand?

Wer noch mehr Argumente gegen Radwege braucht: Udo Steinbach hat die gängigsten Versprechen entlarvt. Wer es eingängiger braucht, in de.rec.fahrrad hat Wolfgang Strobl mal 50 Gründe einen Radweg zu meiden aufgeschrieben. Eine Liste, die später erweitert wurde. Die Erweiterungen sind dort auch zu finden.

Ja, es ist natürlich entspannend einen eigenen Weg zu haben. Wenn er denn mal frei und sauber ist, und eine benutzbare Oberfläche aufweist, und dorthin führt wo man hin will. Aber meist kommt ja dann irgendeine Querung.

Und, mag man in manchen Bundesländern nicht so kennen, aber es gibt durchaus auch Radwege, bei denen Radfahrern mehr Höhenmeter als den Autofahrern auf der daneben liegenden Fahrbahn zugemutet werden.

Radfahrstreifen

Das sind diese Dinger auf der Fahrbahn, rechts von den Fahrspuren für Autos, links von den Parkplätzen für Autos. Ja, in der Dooring Zone, also im Bereich der sich öffnenden Autotüren! Muss zwar nicht sein, ist aber meist so.

Also zwei Vorteile sind vorhanden. Als Radfahrer wird man zwar nicht gut gesehen, weil man immer noch nicht in der gleichen Spur fährt wie Autofahrer. Aber immerhin besser als bei Radwegen. Und die Reinigung kann mit normalen Straßenkehrmaschinen erfolgen. Wenn sie erfolgt.

dsc_0412~24934533617304802903..jpg
Waiblinger Straße, Bad Cannstatt

Überholabstand ist auch so ein Thema. Manchmal wird versucht das zu entschärfen mit einer Doppellinie. Nur leider hat die nur ein paar cm Abstand. Mehr wurden von mir bisher nie gesichtet.

Legal überholen ist dank durchgezogener Linie übrigens auch nicht erlaubt.

Rotweg
Popup-Radfahrstreifen

Protected Bike Lane

Schlimmer geht immer. Der neuste Scheiß der Rad“aktivisten“-Szene. Poller sollen es richten, damit sicher Rad gefahren werden kann. Läßt völlig außer Acht dass es weiterhin Kreuzungen, Einfahrten, etc. gibt. Mit den oben beschriebenen Folgen. Aber jetzt wird das Ghetto quasi komplett, denn einfach so ausscheren, etwa um die Straßenseite zu wechseln oder auch nur zu überholen, das geht nun nicht mehr.

 

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https://twitter.com/BerlinCyclist/status/1097272023116627968

Die Reaktionen der PBL-Fraktion auf solche Argumente sind auch immer wieder nett zu lesen. Sachargumente sind da nur vereinzelt vorhanden.

DSC_1048
Stuttgart hat eine PBL. Ganze 300m. Das Bild zeigt nicht Ein- und Ausfahrt.

Schutzstreifen

Was soll man dazu sagen. Schutzstreifen, diese Krätze mit den unterbrochenen Linien, können da aufgebracht werden wo der Platz nicht für Radstreifen langt. Was jedem einigermaßen klar denkendem Menschen sofort ins Auge sticht: der Platz langt nicht für Radstreifen. Was soll dann ein Schutzstreifen bringen? Dicht überholt werden?

Genau! Der Mist kam vor einigen Jahren auf, und hat sich leider seither rasant verbreitet. Mir ist völlig schleierhaft wie manche Radfahrer das bejubeln konnten. „Es wird endlich was für Radfahrer getan!“ Nein. Wird es nicht. Es werden Radfahrer an den Rand gedrängt, in den Dreck, das Revierverhalten von Autofahrern verstärkt. Und dicht überholt. Und wehe wehe ein Radfahrer fährt nicht dort im Rinnstein! Dann kommt mindestens die Hupe zum Einsatz.

Snip
Wer solche Freunde hat…

Sowas macht mich sauer. Da nennt sich jemand Radaktivist, und verteidigt immer noch dieses Zeug, obwohl kurz vorher von der gleichen Person das geschrieben wurde:

 Das macht diese Schutzstreifen zu Angststreifen und Gefährdungsstreifen. 

Sie müssen eigentlich sofort erntfernt werden, weil sie extrem zur Verunsicherung von Radfahrenden beitragen. Sie werden in die Dooringzone gedrängt und links zu schnell und zu eng überholt.

Ich kann es echt nicht glauben. Da wird klar erkannt wie gefährlich diese „Schutz“streifen sind. Aber trotzdem wird daran festgehalten, weil dann ja „Radinfrastruktur sichtbar“ ist. Es werden also gezielt die Personen, die laut Sonntagsreden geschützt sollen, die berüchtigten Radfahrer von 8 bis 80, in diese Fallen gelockt. Hallo? Gibt es wirklich Menschen, die glauben, wer unter solchen Bedingungen Rad fährt wird das weiterhin tun?

Und nein, ändern wird sich da nur etwas wenn dieser Mist wieder von den Straßen verschwindet!

Ich komme nicht mehr aus dem Kopfschütteln raus.

Und was ist mit den Niederlanden und Kopenhagen?

Was soll damit sein?

Die Unfallstatistiken für Deutschland und Niederlande hat Thomas Schlüter einem Vergleich unterzogen. Und Norbert Paul hat bei VeloCityRuhr.net andere Bilder gesammelt.

Als besonders gelungenes Beispiel an Radverkehrsinfrastruktur wird auch gerne der Hovenring angeführt. Optisch und aus Architektursicht ohne Zweifel ein Highlight. Macht auch sicher Spaß dort zu fahren. Wenn man nicht jeden Tag die Höhenmeter hoch und die zusätzlichen Meter im Kreis fahren muss. Als Pendler stelle ich mir da eher die Frage wieso den Radfahrern das zugemutet wird, während der Kfz-Verkehr gerade aus auf dem direkten und ebenen Weg fahren darf.

Aus Kopenhagen sind mir Bilder von überfüllten Radstreifen neben leeren Fahrspuren bekannt.

Und Luxemburg? Denkt denn niemand an Luxemburg? Ich hab das Land schon mehrmals besucht, dreimal mit dem Rad. Jedes Mal ist mir aufgefallen wie die Autofahrer rücksichtvoller gefahren sind. Ganz ohne Radwege oder -streifen. Die gibt es auch, aber nicht in der Fläche. Ist das alles vielleicht eine Mentalitätsfrage? Sollte man nicht da eher ansetzen? Tempo 30 innerorts wäre auch eine Lösung. Ja, das ist ein dickes Brett. Aber das sind Radfahrer-Ghettos auch. Oder mal einen zweiten Versuch starten die Radwegebenutzungspflicht zu kippen. Aber da braucht man wohl eine Radfahrer-Lobby, die sich nicht auf Touristik beschränkt oder darauf, dem MIV freie Fahrt zu verschaffen.

Links

Updates

  • 21.03.2019: Offensichtlich kocht das Thema langsam hoch, Dennis Schneble hat sich auf seinem Blog auch Gedanken zum Thema gemacht.
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11 Kommentare zu „Rant: Radwege sind Scheiße

  1. „Aber die Kinder…!“ 😉

    Ja, es ist ein Elend… man verkompliziert einfache und sichere Prinzipien, vervielfacht die Zahl der Konfliktpunkte – und wundert sich, dass schwere Unfälle passieren. Und alles nur, weil man fest daran glaubt, dass Radfahren nur auf Radwegen möglich sei…

    Am tragischsten ist ja, dass diese Leute völlig ignorieren, dass sie damit ja grade ihrem größten Feind das größtmögliche Geschenk machen: exklusive Straßen und Fahrbahnen.

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      1. Bei der Betrachtung des so hochgelobten Fahrradkreisverkehrs sollte jeder Betrachter auch die Kfz-Spuren unter dem Kreisel zählen und sich dann fragen, ob das wirklich gebaut wurde, um den Radverkehr zu fördern und welches Verkehrsmittel da von der Mehrheit bevorzugt wird.

        Gefällt 1 Person

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